Leben und Traum der Lena Christ

 

Szenische Einrichtung und Inszenierung: Jörn van Dyck, Haunzenbergersöll 

 

Lena Christ, in Glonn unehelich geboren, von der Mutter, die nach München in ein Gasthaus einheiratet, sogleich verlassen, wuchs bei den kleinbäuerlichen Großeltern auf – mit aller Liebe und in reizvoller Landschaft. Sie hat davon in ihrem ersten Buch erzählt, den mitreißenden und erschreckenden „Erinnerungen einer Überflüssigen“, auch, wie ihre Mutter sie dann holte, als sie sieben war und zum Arbeiten im Gasthaus taugte. Vom Glonner Paradies ins Fegefeuer von München und die Mutter-Hölle: Malträtiert von deren Hass flieht sie in die Ehe mit einem Fuhrunternehmer, der rasch alles versäuft, sie prügelt undi hr vier Kinder macht. Nach der Scheidung und etlichen Lungenentzündungen läuft sie dem Schriftsteller Peter Benedix in die Hände, der sie zum Schreiben bringt. Sie schreibt ihr Leben auf wie keine zuvor.

Ihre Kindheit ist eine Welt ohne Boden, und in diese Kindheit eingebettet der Traum, der nur den bäuerlichen Wohlstand zum Ziel haben konnte. In "Leben und Traum der Lena Christ"  wird der Versuch unternommen aus den Hauptwerken der Schriftstellerin und Teilen aus Prosa und Gedichten, diese beiden Komponenten einander gegenüber zu stellen.

Am 30. Juni 1920 hat Lena Christ an einem Grab im Waldfriedhof in München Selbstmord begangen.                                  (Jörnvan Dyck)

(Schweinfurter Tagblatt - 9. Oktober `07

 

Es entsteht ein kraftvolles, dreidimensionales, auch mimisch beeindruckendes Sittengemälde. Hadulla verleiht ihrer jungen (Anti-)Heldin zwischen knierutschenden Gebeten und einer Liebelei mit dem Pfarrer auch subversive, hexenhafte Züge. Nach der Pause dann der rasche seelische Verfall der Protagonistin, bleich und mit offenem, pechschwarzem Haar.

Christine Hadulla nimmt man die sowohl naiv- verträumte als uch verruchte Romantikerin, die von einem tragischen Schicksal leidgeprüfte, zugleich aber liebesbedürftige große Seele in jedem Augenblick ab. Bis zuletzt geht die gelernte Schauspielerin in der widersprüchlichen Figur auf und damit an das Äusserste- nicht ohne einen Schuss Sarkasmus und Selbstironie. Dank Hadulla bietet "Lena Christ" einen starken Kommentar auf aktuelle Frauenschicksale, gerade im vermeintlich heilen Bayern.

 

 

Jahre wie im Rausch  

Die Künstlerkneipe der Kathi Kobus und ihre wilden Gäste

 

Eingerichtet und inszeniert von Jörn van Dyck, Haunzenbergersöll 

 

 

 

Als Kathi Kobus in der Walpurgisnacht 1903 mit ihren Stammgästen – an der Spitze Frank Wedekind – in ihr neues Lokal in der Türkenstraße 57 umzog, war München der geistige und künstlerische Nabel Deutschlands. In Anlehnung an die bekannte und beliebte Satirezeitschrift „Simplizissimus“  nannte sie es „Alter Simpl“ und bekam vom Simpl-Zeichner Th. Th. Heine als Haus-Symbol eine zähnefletschende Dogge geschenkt, die jetzt allerdings nicht mehr die Ketten der Zensur zerreißt, sondern mit scharfen Zähnen eine Sektflasche öffnet.

Bald schon war die ganze damalige Szene – Boheme genannt – in der neuen Künstlerkneipe heimisch, regiert von der energischen Kathi, die einen Hof von Künstlern, Denkern, Literaten, Alternativen und Arrivierten um sich scharte, wobei sich gewisse Rivalitäten nicht vermeiden ließen, die oft zu zünftigen Prügeleien ausarteten. Es wurde heftig getrunken von den etablierten oder später erst berühmt gewordenen Stammgästen wie Erich Mühsam, Max Dauthendey, Franz Blei, Oskar Maria Graf, Joachim Ringelnatz, Ludwig Scharf, Georg Queri, Ludwig Thoma, Berthold Brecht; Frank Wedekind und KarlValentin.

Kathi Kobus war eine kluge Frau. Selbst keine Kunstkennerin, wusste sie doch, dass aus manchem jungen, unbekannten Zeichen-Talent manchmal später ein bewundertes Genie wird.  Drum hingen auch die Wände voll mit Zeichnungen und Bildern von Künstlern, die ihre Zeche nicht bezahlen konnten.

Von der Begabung ihrer dichtenden Kundschaft machte sie Gebrauch, indem sie ihr Gelegenheit gab, vom Podium herab Verse und anderes zu deklamieren.

Und dann entdeckte Kathi Kobus ein neues künstlerisches Talent, nämlich sich selbst. Sie wartete plötzlich in ober-bayrischer Nationaltracht auf und bestieg in eigener Person das Podium, von wo sie mit Gedichten in heimischer Mundart Humor ausstreute.

(Schweinfurter Tagblatt - 8. Februar `10) 

Die Inszenierung von Jörn van Dyck beschränkt sich aufs Wesentliche.  

Mehr braucht es auch nicht, denn Christine Hadullas Spielfreude trägt das Stück alleine. Ihre wunderbar urige, humorvolle Darstellung der Kathi Kobus hält alles zusammen.

Angereichert mit Gedichten und Originaltexten erzählt sie von den Stammgästen des „Simpl“, ihren Eigenheiten und unvergessenen Auftritten. Musikaufnahmen transportieren authentische Atmosphäre und versetzen das Publikum zurück in die damalige Zeit. So ist „Jahre wie im Rausch“ in vielerlei Hinsicht ein Stück der Kontraste, eine literarische Reise in die Vergangenheit mit einer großartigen Christine Hadulla.

 

 

Shirley Valentine oder die hl. Johanna der Einbauküche v. W. Rusell 

 

Shirley Bradshaw, geborene Valentine, steht an einem englischen Flughafen,wartet auf Ehemann Joe, der sie nach ihrem Griechenland-Urlaub abholen soll. In Rückblenden erzählt Shirley vom Davor, vom Hausfrauen-Dasein in ihrer Einbauküche.  

Dabei hatte sie das Lachen verlernt, fühlte sich nicht verstanden und alleingelassen. „Wo ist die Shirley Valentine von damals geblieben?“, stellt sie sich eine allgemein verbreitete Frage. „Was ist passiert?“ fragt sie ins Publikum, „wann hat es aufgehört, gut zu sein?“

Au sall diesen Miseren erlöst sie Jane mit einer Einladung für einen 14-tägigen Griechenland- Urlaub auf Rhodos.  

Dann geht die Sonne auf – sie begegnet Kosta, den sie fortan Christopher Kolumbus nennt. Weil – Hadullas Augen glitzern, sie zögert, doch dann bricht es aus ihr heraus: „Weil wir zusammen die Klitoris entdeckt haben.“

Kosta hat natürlich auch andere Qualitäten: Alles was er sagt, meint er auch so, er kann sich mit einer Frau unterhalten, kann eine Segeltour organisieren und behutsam Liebe machen. Aus solchen Erinnerungen an glückliche Tage steigen bei der immer noch wartenden Shirley Trauer und Träume auf, aber auch Kraft und Zuversicht: „Ich werde nie wieder die „Heilige Johanna der Einbauküche“ sein. Und es wächst bei ihr – gerade noch rechtzeitig vor dem Finale – die Erkenntnis: „Hatte nur Joe schuld? Wohl kaum, ihm ging es doch ähnlich.“

Die Signale stehen also auf Neuanfang.

(Schweinfurter Tagblatt - 28. Januar `09) 

Das Stück ist vielleicht von gestern – die Schauspielerin Christine Hadulla ist es auf keinen Fall: Mit komödiantischer Spielfreude und großer Wandlungsfähigkeit interpretierte sie dieses kurweilige und unterhaltsame Stück.

Die Hadulla spielt ihren Ehemann, wie auch viele andere imaginäre Personen des Stücks, mit: Mit der für diese Personen typischen Mimik, Körpersprache oder der Sprache selbst. Eine sehr gute Leistung.

Diese Verwandlungen meistert die Hadulla ausgezeichnet: Blitzschnell bedient sie sich aus dem von ihr geschaffenen Figuren-Fundus, bei dem ab und zu auch clowneske Elemente aufblitzen.

 

 

Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts v. M. Tikkanen 

 

Regie: Toni Müller, Rosenheim

 

Das Stück  ist aus einem Gedichtband der finnischen Autorin Märta Tikkanen entstanden. Ihr Mann war Alkoholiker.

 

 

Nach außen  hält sie mühsam die Fiktion eines geordneten Familienlebens aufrecht: Mann, Frau, 4 Kinder - Eine ganz normale Familie also. Unablässig arbeitet sie an der Reparatur dieser Fassade, mit Lügen und Ausreden, 20 Jahre, eine lange Zeit. Aber einmal muss es raus: All ihre Seelenpein. Die ständige Missachtung ihrer Persönlichkeit. Der Ekel vor den Alkoholgerüchen in den Zimmern und vor dem stinkenden und sabbernden Besoffenen, der ihr Ehemann ist. Die Abscheu vor denTausenden von Ausreden ihres Mannes für seine Sucht. Die Ungerechtigkeiten ihres Mannes gegenüber den Kindern, die bald nur noch schweigsame Duckmäuser sind.  Ihre Verletztheit, wenn er sie betrügt und schlägt. Seine Verantwortungslosigkeit. Ihre Verantwortung für das Aufrechterhalten der Fassade nach außen. Und das langsame Zerbrechen der Liebe. „Warum gehst Du nicht?“ Das ist die Frage, die sich die Frau immer wieder stellt. Wie vieler Verletzungen und Demütigungen bedarf es, bis sich eine Frau von einem Mann trennt, der mit seiner Alkoholsucht nicht allein sich selbst, sondern auch das Leben seiner Familie zugrunde richtet? Obwohl am Ende ihrer Kraft, hält sie immer noch weiteraus: „Trotzdem muss man den Mut haben, zu lieben“. Deutlich arbeitet Christine Hadulla heraus, warum die „Liebesgeschichte“ als Monolog angelegt ist:  Ihr Gegenüber hat keine Ohren mehr, um zuzuhören. Völlig hilflos und egoistisch beansprucht der Mann alle Aufmerksamkeit und Kraft der Frau für sich. Aber anders als ihre Mutter, die am Ende ihres Lebens sagte: „Ich habe nicht gedurft“, entscheidet sich ihre Tochter für den Satz: „Ich habe nicht getan!“.

 

 

(KölnerStadtanzeiger, 15.08.95) „Christine Hadulla bewegt sich mit sehr viel Sensibilität zwischen den ihre Wege verstellenden Fronten.“

(Oberbayr.Volkszeitung, 16.08.95) „Die Monologmaschine läuft nicht heiss, sondern wird von Christine Hadulla mit großartiger Virtuosität eingesetzt… lässt ihr Spiel so genau pulsieren, dass sie die Zuschauer mit ihren Wechseln unweigerlich in Bann schlägt.“

(Oberbayr.Volksblatt, 11.09.95) „DasBühnenbild ist karg… aber alles andere würde auch von Christine Hadullas Gesicht unnötig ablenken…“

(Elbe-Jeetztel- Zeitung, 17.05.98) „Hadulla versteht virtous, diese Schwankungen darzustellen…Die schauspielerische Leistung und Intensität des Vortrages von Hadulla sind atemberaubend. Sie ist eine hochtalentierte und befähigte Schauspielerin, der es gelang die Zuschauer fast zwei Stunden lang in ihren Bann zu ziehen.“

(SchweinfurterTagblatt, 18.07.03) „…entstehtvor allem durch das ausdrucksvolle Spiel Hadullas. Es scheint nahezu unmöglich, sich… zu entziehen. Das Publikum wird regelrecht gefangen genommen.“

(Rudersberg,17.04.05) „Das alles wirkt beängstigend echt und beinahe ekelhaft wirklich… mit dem „Tatort“ konnte das allemal mithalten.“

(KölnerExpress, 14.08.95) „Hervorragende Leistung im Urania…“

(SchwäbischeZeitung, 31.10.96) „Scheinbar mühelos legt Christine Hadulla ihr Ein- Frau- Stück auf die Bühne.  

Unverkennbarist das Können der Schauspielerin.“

 

 

Kassandra v. Christa Wolf 

 

Regie: Bernd Lemmerich, Schweinfurt

 

Vor dem Löwentorin Mykene steht Kassandra, älteste Tochter des Königs Priamos von Troja: Sie wartet auf ihre Hinrichtung und blickt zurück.

 

 

Das Unheil, das Troja drohte, hatte sie lange vorher kommen sehen. Ein Zeitlang möchte sie sowohl der Obrigkeit gefallen, als auch der Wahrheit dienen. Als sie sich schließlich für die Wahrheit entscheidet, muss sie lernen, dass die Warnungen der Seherin als lästiges Geschwätz einer Hysterikerin abgetan werden und sie wird eine misstrauisch beäugte Einzelgängerin. Sie lernt auch, „den Eigenen“ nicht weit zu trauen, denn diese „Eigenen“ sind z.B. Generäle, die Verhandlungen ablehnen und Krieg nur deshalb führen, weil sie glauben, ihn gewinnen zu können. Das könnte heutigen Zeitgenossen bekannt vorkommen, genau wie die Erkenntnis: Macht macht die Mächtigen blind!

Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ war schon zur Entstehungszeit(1983) mehr als eine Parabel auf die DDR. Was in der DDR derSED-Apparat an Verdrängung leistete, fand im Westen durch die Spaßgesellschaft und die Konsumsucht statt. 21 Jahre späterist ihr Werk immer noch von einer geradezu beängstigenden Aktualität und Brisanz, obwohl es, vordergründig gesehen,  in einer weit zurückliegenden Zeit spielt.

(SchweinfurterTagblatt, 16.07.01) Christine Hadulla gelingt es, während der ganzen 15 Bilder die Spannung zu halten. Das Stück lebt von der puren Schönheit des Textes und von der Darstellerin.

Behutsam entwickelt sie eine Figur, welche die Zuschauer Stück fürStück kennenlernen. EinTheaterstück zum Nachdenken.

 

(Elbe-Jeetzel- Zeitung, 21.09.04)

Beeindruckte mit geradezu beängstigender Intensität: Christine Hadulla spielt wie um ihr Leben.“

 

(Schweinfurter Tagblatt, 07.01.2012) "Christine Hadulla verinnerlicht den Rhythmus der Sprache, lässt die Geschmeidigkeit des Textes erstehen in wunderbarer Weise. Nackt scheint diese Figur zu sein, völlig ungeschützt von jedwedem schützenden Kontext öffnet uns diese starke Frau ihr Inneres. C.Hadulla hält dieser Herausforderung stand, mehr noch, sie gibt ihr Gestalt, zeichnet den Entwicklungsprozess der Seherin nach.So verleiht Hadulla dieser Figur Würde und Größe bis zum letzten Moment"

 

Ulrike Mondzeit v. Helma Sandres. Brahms 

 

Regie: Bernd Lemmerich, Schweinfurt

 

 

 

Von Geburt an fühlt sie sich ihrem Halbbruder Heinrich verbunden. Ist ihm erst Mutter und Schwester, dann Freundin, Förderin und schließlich Geliebte. So wie Heinrich nicht den Vorstellungen der preussischen Militärtradition seiner Familie entspricht, ein unsicherer Stotterer, der mit dem Leben und seinen Anforderungen nicht zurecht kommt, so verkörpert Ulrike ein sich veränderndes Frauenbild bis hin zur Annahme der Männerrolle.

Ulrike, aufgewachsen in der Enge und Prüderie welche die große Familie derer von Kleist mit wenigen Ausnahmen durchzog, soll standesgemäß heiraten:  

„Was soll ich machen, immer den Rock an, sticken, stricken, stopfen, so wie es sich gehört. Ich kann da nicht mit in die Kneipen und Schenken.“ Stattdessen fördert sie den unsicheren, sehr feminin wirkenden Halbbruder, begleitet ihn in Männerkleidern nach Paris, verliebt sich in ihn, finanziert sein Leben aus ihrem Erbe- ein vollkommener Rollentausch. Wegen der homosexuellen Neigungen Heinrichs kommt es zum Streit und schließlich  zur Trennung. Ulrike v. Kleist wird in späteren Jahren  Leiterin eines Mädchenpensionats in Frankfurt/ Oder.

In dieser kirchlichen Lehranstalt, durchzogen von Erinnerungen an das Leben mit Heinrich, spielt das Stück der Filmregisseurin und Autorin Helma Sanders- Brahms.  

Heinrich v. Kleist hat diese Beziehung in seiner „Penthesilea“ verarbeitet.

Presse:

…einfaszinierendes Ein- Personen-Stück, das sowohl von seinemInhalt, seiner feinfühligen Inszenierung als auch von derüberzeugenden Umsetzung durch eine hochkarätige ChristineHadulla begeisterte.

…gelingtes Hadulla mit großer Emotionalität den Spannungsbogen zuhalten, dem langen Monolog mit sehenswertem, intensivem undüberzeugenden Spiel Leben einzuhauchen. Die Person der Ulrikewird förmlich greifbar.

…beeindruckendund kraftvoll verkörpert Christine Hadulla die extremen Gefühleder Kleist- schwester…

Nominiertfür den Heidelberger Theaterpreis 2005

 

        

 

Nachdenken über Christa T.

 Regie: Bernd Lemmerich, Schweinfurt 

 

Dostojewski, Gorki, Brecht und Christa Wolf – Bernd Lemmerich bringt sie alle unisono auf die Bühne der Disharmonie und das in Gestalt einer einzigen Frau, eines einzigen Stückes: „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf.

Es geht um das Leben einer Frau in der DDR, erzählt von einer engen Vertrauten. Es geht aber auch um viele Begegnungen – erdachte und tatsächliche.  

Szenen also, in denen nicht immer eindeutig ist,ob sie erzählt sind, ob sie sich nur in der Fantasie abgespielt haben, oder ob sie gegenwärtiges Empfinden sind.

Christa T.s bewusstes Leben beginnt noch im Krieg, in der Endphasedes totalitären NS-Staats. In den Anfangsjahren der DDR wird sie, wie viele andere, von der Hoffnung getragen, dass es nun gelingen wird, diese andere Gesellschaft, diesen anderen Staat zu schaffen.Doch die Begeisterung des Neuanfangs wird bald vom kollektiven Zwang erstickt. Christa T. versucht nochmal einen persönlichen Neuanfang:Die Lehrerin verlässt die Schule, fängt wieder an zu studieren.Doch auch hier: Das Individuum bedeutet immer weniger, es zählt nur noch das Kollektiv. Sie geht daran zugrunde, stirbt an Krebs nacheinem Leben voll unbeantworteter Fragen: Wie steht es um die halb reale, halb fantastische Existenz des Menschen? (Gorki) Muss er Schräubchen im gesellschaftlichen Getriebe sein?

 

Dabei spielt Christine Hadulla nicht nur die Christa T., sie ist für einen Abend die Christa T. – oder Christa W.? Autorin, Protagonistin und Schauspielerin – ein Trio, welches schwer zu trennen ist. Christine Hadulla steht völlig in Schwarz gekleidet auf den schwarzen Bühnenbrettern vor einem schwarzen Vorhang, hinter einem schwarzen Stuhl. Lediglich Licht und Worte, Mimik und Gestik bringen Farbreflexe auf die Bühne. Worte, die aus tiefster Erinnerung und Überlegung aufzutauchen scheinen. Worte, die kein Ende nehmen. Mal langsam und bedächtig ausgesprochen, wie aus einer fernen Welt kommend – ein weiteres Mal als Stakkato ausgestoßen, plötzlich desillusionierend in der Gegenwart.

Christine Hadulla personifiziert eine Stunde lang allein auf der Bühne die philosophisch-sozialen Fragestellungen aus der Zeit desdeutschen Sozialismus. Dabei ist die Inszenierung nicht einer lebendigen Lesung gleich, sondern der Zuschauer wird durch die Montage verschiedener Episoden an die Hand genommen. Bernd Lemmerichgibt dem Stück einen zeitkritischen, aktuellen Rahmen. Bereits in seiner Begrüßung gibt er den Zuschauern einen Fingerzeig auf die aktuelle Brisanz, will das Stück nicht als Anachronismus eines gescheiterten Systems verstanden wissen, sondern den Blick auf die Gegenwart richten. In seinem Schlusswort gibt er Aktualisierungshilfen, sowohl in Richtung des Fernen Ostens, als auch im Hinblick auf die „Berliner Republik“ im Jetzt und Hier.

 

 

Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe

Regie: Bernd Lemmerich, Schweinfurt

Charlotte von Stein, 12 Jahre älter als Goethe, hatte mit ihrem Mann Josias Friedrich von Stein sieben Kinder. Sie übernimmt Goethe gegenüber die Funktion einer wohlwollenden Lehrerin und wehrt dessen Avancen (zumindest offiziell) ab."Goethe habe sie als Inspirationsquelle benutzt, habe Kapital aus ihr geschlagen, indem er aus Begehren und Küssen Gedichte schuf und zu Geld machte." Goethe brauchte allerdings Tapetenwechsel und reist nach Italien...

(Schweinfurter Tagblatt, 16.02.2016)

Christine Hadulla nutzt gekonnt die Requisiten als Stationen für ihre durchweg überzeugende Rolleninterpretation der zunehmend verzweifelten Charlotte. Da sind starke Gefühle im Spiel! Hadulla füllt den theatralischen Aktionsraum durch ihr monomanisches Kammerspiel völlig aus, man vermisst niemand weiteres. Man nimmt ihr die Rolle spielend ab, denn Sie geht ganz darin auf.